23 Dezember 2006

 

Ende November bis Honduras

Ihr habt vielleicht schon gehoert, dass es in Mexico zur Zeit viel Aufruhr gibt, 1. weil die Wahlen mal wieder manipuliert worden sein sollen und sogar mehr Stimmen gezaehlt worden sind als es Wahlberechtigte gab, sodass der Praesident hoechst wahrscheinlich unrechtmaessig diesen Titel traegt. Ausserdem
ist seit ueber einem halben Jahr das Zentrum der Stadt Oaxaca von regierungs-oppositionellen Gruppen besetzt. zuerst waren es ueberwiegend streikende Lehrer aus dem ganzen Staat Oaxaca, die um bessere Bezahlung "baten", mittlerweile sind es viele verschiedene Menschen, die reklamieren, dass der Governador einiges Geld anders verwendet habe als vorgesehen war und dabei einiges selbst eingestrichen hat.
Als wir bei der ehemaligen Gastfamilie von Max in Oaxaca ankamen war alles sehr anders, als das letzte Mal, das Max dort war. Es gab viele Informationsstaende und Leute auf den Strassen, manche mit Zelt und ein paar Meter weiter massenhaft Polizei, die sehr "zur Verteidigung ausgeruestet war", und grosse, panzerartige Gefaehrte, die anscheinend "nur Wasser schiessen" hatten.

Am Samstag den 26. November wollten die oppositionellen Gruppen (genannt Appo) die Orte wieder einnehmen, von denen sie vor ein paar Wochen durch Militaer vertrieben worden waren, was hauptsaechlich aus dem Zentrum von Oaxaca Stadt besteht. Von unserem dortigen Zu hause (Max' ehemalige Gastfamilie) hat man die ganze Nacht lang Sirenen, aber auch viele Knaller und vielleicht Schuesse gehoert. Es sollen ziemlich viele (gewalttaetige) Aufstaendige festgenommen worden sein und in den Nachrichten hat man ueber diese nur als "Objekte" und "Individuen" gesprochen.
Tags drauf waren wir noch im Zentrum und es sah gruselig aus; kein einziges Auto war geparkt, weil die vorigen abgebrannt sind, auf den Hauptstrassen war jedes einzelne Fenster eingeschlagen, zT angezuendelte Waende und alle 5 Minuten kam eine Karawane von 4 Pickups voller Polizisten auf der Ladeflaeche mit Schildern und Gewehren vorbei...
das komischste war, dass man die ganze Zeit total verschiedene Informationen bekam; die Appo ist ganz unschuldig und wird grundlos von den Polizisten niedergepruegelt, vergewaltigt, festgenommen und wahllos mit Traenengas vollgesprueht. auch die Fenster sollen von den Polizisten eingeschlagen worden sein, um spaeter zu behaupten, die anderen seien es gewesen. andere sagten wiederum, die Appo sei gekauft, oder es sei ein Spiel oder es seien Kinder, die unter geschenkten Drogen stehen und sie wuerden die armen Polizisten gnadenlos provozieren, mit Feuerwerkskoerpern aus sie schießen, und jene befolgten ganz brav und demuetig den Befehl, sich nicht zu ruehren. also: quien sabe!


Abgesehen davon konnten wir den Aufenthalt aber trotzdem geniessen und sahen Max’ Freunde Arturo (wenn auch nur kurz), Marianne und Ursula. Letztere hat uns auf ein Open-Air Konzert auf einem stillgelegten Bahnhof mitgenommen; neben Rock wurde auch Salsa gespielt, waehrend die Zuhoerer (und Taenzer) auf den Schienen sassen (bzw tanzten) – ziemlich atmosphärisch und das alles als friedvolle Unterstuetzung der Appo. Ausserdem hat Ursula (sie studiert Kunst) uns an einen wunderschoenen Ort entfuehrt: ein Kulturzentrum etwas ausserhalb der Stadt Oaxaca. Dort kann man Kurse belegen, um verschiedenste Kuenste zu erlernen; wir haben diesmal nur eine Ausstellung angesehen und ohne Kurs Fotos geschossen...






Als kleines Beispiel fuer die Farben, die hier so warm sind, dass ich schon beim Hinschauen ins Schwitzen komme.

Nach wenigen Tagen in Oaxaca sind wir auch schon wieder losgezogen: gen Sueden.

Insgesamt waren es um die 28 Stunden Bus, die wir in 2 Tagen bis Honduras hinter uns gebracht haben, aber die ganzen Details werd ich euch ersparen. Nur die Grenze von Mexico nach Guatemala war crass, denn so viele Leute wollen dir „helfen“, in dem sie dir das Geld zu viel besserem Kurs wechseln oder indem sie uns viel schneller ueber die Grenze bringen, dadurch, dass sie mit unseren Paessen weglaufen, sich bei der Einreise an allen vorbeidraengeln und dafuer ein saftiges Trinkgeld verlangen, obwohl wir sie um nichts gebeten haben. Aehnlich war die Ankunft in Guatemala City, was das Gefuehl der Ueberrumpelung und Desorientierung angeht. Unueberschaubarer Strassenverkehr, Brautkleid-Laeden und Moebelausstatter aneinander gereiht ueber gefuehlte zig Kilometer dunkler Gassen. Danach natuerlich wieder ins falsche Taxi, aber mit einem Freund: einem Honduraner vom Land, der – wie sich spaeter herausstellt – gerade auf dem Weg nach Hause ist, nachdem er ein Jahr in Texas gearbeitet hat, als „Mojado“, also als illegaler Einwanderer. Der Taxifahrer wollte uns fuer den 8-fachen Preis als wir dann tatsaechlich fuer den Billig-Bus bezahlt haben zur Grenze bringen, weil wir viel guenstiger damit fahren wuerden...aus Unschluessigkeit sind wir dann mit unserem neuen Freund Thomas in einem Luxushotel abgestiegen, in dem wir fuer 3 Leute ein riesen Zimmer mit 4 Doppelbetten bekamen. Am Abend erzaehlte uns Thomas, wie er an der guatemaltekischen Grenze zu Mexico von den Grenzpolizisten sein gesamtes Geld abgenommen bekommen hat und sich dann bettelnd durch Mexico durchgeschlugt, bis er dann nachts durch den Fluss geschleust und direkt auf eine Farm gebracht wurde, unter der Bedingung 1000 Dollar in Raten zurueckzuzahlen. Nach einem Jahr jeden Tag zwischen 9 und 14 Stunden Arbeit (Ziegelsteine brennen, wenn ich’s richtig verstanden hab), hat er wohl genug, in zweierlei Hinsicht, und besteht darauf, uns zum Abendessen einzuladen, bevor er seine Familie mit seiner Rueckkehr ueberraschen wird.

Um 4 Uhr Frueh nehmen wir dann ein bestelltes Taxi und fahren um halb 5 zur honduranischen Grenze los. Kurz bevor wir dort ankommen, muessen wir allerdings umsteigen in ein so genanntes Collectivo, eine Art Sammeltaxi, um tatsaechlich hin zu kommen; der Grenzer laesst sich alle Zeit, um unsere Paesse abzustempeln, sodass wir dem Bus hinterherrennen muessen, der schon mal um die Ecke gefahren ist, um uns seine Eile klarzumachen. Das schlechte an den billigen Bussen sind die Leute, die ihre ganz eigenen Gerueche mitbringen; der Vorteil ist allerdings, dass man die Fenster oeffnen und einem so der Wind durch das Haar sausen kann. Ich geniesse es solange, bis ich erschoepft aufwache und das, was ich vorher als Gefuehl der Freiheit beschreiben wollte, ploetzlich als zuegellose Gewalt empfinde, die mich in ihrer Ungebaendigtheit bedroht, waehrend die zunehmende Schwuele mich niederdrueckt. Noch eine Taxifahrt und dann sind wir sicher im Mall – der Ort in Honduras, an dem man sich am meisten aufhaelt. Eine Nacht bei unserer ausgeflippten Verena in San Pedro Sula, dann eine weitere Busfahrt von 6 Stunden mit mehr AFSern (darunter die liebe Sascha) und dann ein paar Stunden im Mall, wo wir auf die restlichen AFSer warten.

Fuer Max sind es die ersten Eindruecke von Honduras: Malls, lauter Verkehr, alles ist dreckig und Markt herrscht staendig auf den Strassen. Ein Taxi ist keines, wenn es nicht durckgehend hupt!

Abends gehen wir in der „Party-Stadt“ von Honduras aus, mehr oder weniger ernuechternd, etwas angsteinfloessend und ziemlich mitleiderregend, wenn man sich ueberlegt, wie alt das schoene Maedchen in kaum einem Fetzen von Minirock wirklich ist, die uns den ganzen Abend begleitet und wie gut sie die 2 aelteren Westler mit Wampe wohl schon kennt, mit denen sie gequaelt tanzt.

Am Tag darauf trennen wir uns das erste Mal von einander fuer mehr als ein paar Stunden (was eigentlich auch erst einmal vorgekommen ist, weshalb mir wohl 3 Tage schon wie eine Ewigkeit vorkam). Ich halte es nicht mehr aus, in Honduras zu sein, aber nicht bei meinen Freunden und meiner Familie, deshalb nehme ich zur Abwechslung einen Bus und fahre 7 Stunden bis nach Tegucigalpa: der Hauptstadt von Honduras, in der ich fast ein Jahr gewohnt hab.

Max amusierte sich die naechsten Woche mit den „Jungtieren“ auf der Insel Utila, und genoss den Tauchkurs sehr.

Meine Ankunft war eine Ueberraschung fuer alle, was auch ich nicht erwartet hatte, denn ich richtete es meiner Gast-Grossmutter aus, nur leider hat sie Alzheimer. So waren meine Mutter, meine Schwester und ich wenigstens den Traenen sehr nahe, als ich ploetzlich wieder in diesem freundlichen Haus voller lebensfroher Menschen stand. Seit 10 Monaten geht es hier sogar noch lauter zu, weil ein verrueckter Schweizer namens Jonas (AFS) und ein lieber Daene die Familie ergaenzen und das Zimmer ausfuellen, das sonst meinem Bruder Tito gehoert, der gerade mit AFS in Japan ist, wo wir ihn besuchten (siehe Japan 2). Ueber meine Schwester Keren hab ich mich besonders gefreut, denn sie ist wunderbar laut und sprudelnd wie eh uns je.

Auch meine Freunde wiederzusehen war ueberwaeltigend. Die Leichtigkeit des puren Seins mit ihnen ist unbeschreiblich und es ist kaum zu fassen, dass es noch fast alles gleich ist, nur dass alle ein bisschen aelter sind und ein bisschen dicker (im Gegensatz zu mir, denn alle fragen mich ganz erstaunt, wie ich so viel abnehmen konnte oder sagen gleich, dass ich ja ziemlich dick hier weggefahren waere). Ausserdem gehen sie jetzt in die Uni, Yunior wohnt viel naeher als frueher, aber musikliebend sind sie immer noch wie frueher (ich hab sie auf einer Art oeffentlichen Musikgymnasium kennengelernt).

Es hat sich nicht sehr viel veraendert, seit ich vor 2 einhalb Jahren hier abgereist bin. Neue Malls wurden gebaut, der Lempira (die hiesige Waehrung) ist gestiegen (sogar als wir hier waren sind in den Cafes jedes Produkt um einen Lempira teurer geworden) und meine Freunde sagen, dass es gefaehrlicher geworden ist, weshalb weniger Leute den Bus nehmen und sich stattdessen im Taxi fortbewegen. Ich hab keinen grossen Unterschied gemerkt, im Gegenteil fand ich es angenehmer in den Strassen, weil das Hinterherrufen und –pfeifen scheinbar abgenommen hat (was aber nur daran liegt, dass ich so gut wie nie ohne maennliche Begleitung das Haus verlasse). Gestern allerdings sass Max mit ein paar Freunden am fruehen Nachmittag im Bus und ploetzlich stiegen zwei Maenner vorne ein und hielten die Haende auf, und nahmen den Leuten in den ersten Reihen Geld und Taschen ab. Als die ersten Passagiere hinten anfingen aus dem Bus zu springen, liefen auch die 4 Jungs los und flohen ueber den Hinterausgang waehrend der Bus langsam weiterfuhr. So wurden sie zum Glueck nicht direkt mit den Raeubern konfrontiert, was vielleicht auch in der Hinsicht gut war, als dass sie gar nichts zu geben hatten, weil sie in Sportkleidung und voellig verschwitzt vom Fussballspielen kamen und man nie weiss, was passiert, wenn augenscheinlich Reiche nichts geben koennen.

Vorsicht muss man also schon haben, aber heute bin ich schon wieder alleine Bus gefahren. Angeblich kommt es auch auf den Bus und seine Herkunft, bzw. sein Ziel an.

Sonst habe ich die paar Tage hier sehr genossen, viele alte Erinnerungen an Geschmaecker, Gerueche und Geraeusche wieder aufleben lassen, mit meinen Freunden in alter Tradition gefeixt und auch viel mit dem Schweizer Jonas, dem Daenen Simon und dem Weisenjungen Fernando, der hier immer Weihnachten verbringt, unternommen, was immer ziemlich chaotisch und lustig ist. In der Kirche waren wir schon mit der Familie und ich hab mit Max’ Hilfe fuer 12 Personen Kartoffel-Blumenkohl-Brokkoli-Auflauf gekocht. Max hat „Auflauf“ ins Spanische ungefaehr als „Vereint euch rennend!“ uebersetzt.

Aber es gehen mir schon einige Sachen wieder auf die Nerven; Das Leben hier scheint mir nach einer Weile immer so brutal, vermutlich auch weil es bei vielen am Rande der Existenz ablaeuft und es kein Bedarf an, denn keine Zeit und kein Gefuehl fuer Ruhe und Unversehrtheit gibt. Ununterbrochenes Gehupe und Hundegeklaeffe, das staendige Klopfen der „Busfahrerassistenten“ an die Buswand, der Fernseher als notwendige Geraeuschkulisse im Hintergrund und irgendwann auch das Gesinge der Kirchenlieder zehren an meinen Nerven und ich moechte eine Nacht durchschlafen ohne das Gefuehl zu haben, ich laege auf der Haupt-Rollbahn des Flughafens Franz Josef Strauss, weil wir an einer der Hauptstrassen Tegucigalpas wohnen. Ausserdem wohnt jetzt auch die Grossmutter hier, weil sie Alzheimer hat, was sehr tragisch fuer sie, aber auch fuer alle anderen ist. Sie ist die Erzchristin und nervt alle unglaublich mit Bibelspruechen und Ermahnungen, Belehrungen und Fragen, ob man diesen Spruch oder jenen Psalm schon auswendig gelernt hat, ob man Christo schon in sein Herz eingelassen hat usw...das schlimme ist, dass sie sich halt nicht daran erinnert, dass wir das alles schon zigmal durchgekaut haben und deshalb kommt sie jeden Tag mit exact den gleichen Dingen von neuem an, was mich echt anstrengt.

Andererseits gibt es immer noch so viele Leute, die ich sehen, Dinge, die ich hier machen und dem Max zeigen wollte, dass es mir ziemlich knapp vorkommt, naechste Woche schon wieder weiterzufahren, aber die Zeit draengt. Der Abschied von meinen Freunden wird auch ziemlich bitter, weil ich tatsaechlich nicht weiss, wann ich wiederkommen werde und es sehr unwahrscheinlich ist, dass einer von ihnen mich besuchen wird.

Am 19. Mai muss ich in Ulm sein, weil ich mich kurzerhand fuer den MTS (ein Test, der bei Bestehen die Chancen, an baden-wuettembergischen Unis angenommen zu werden, vergroessert) angemeldet hab, nachdem mich die Johanna mit Info ueber das Medizinstudium versorgt hat. Eigentlich wollte ich nur gucken, was die bei der Anmeldung so wissen wollen und schon hatte ich das Formular abgeschickt. Das heisst, dass ich es wohl ernst meine mit der Medizin und ihr mich spaetestens Anfang Mai wieder sicher um euch habt. Irgendwo bin ich froh um einen Zeitrahmen und auch, dass er (in meinen Augen) ziemlich knapp ist, denn es ist auch anstrengend. Wir liegen extrem zurueck in unserem urspruenglichen Zeitplan, was ok ist, weil wir dafuer ja laenger irgendwo anders war, aber letztendlich wird leider sehr wenig Zeit fuer Suedamerika uebrigbleiben, sodass ich auch dorthin zurueckkehren wollen werde.

Heute faengt mein zweites von 4 Jahren Probezeit mit Fuehrerschein an, obwohl ich schon allein in Neuseeland ueber 5000 km gefahren bin, mal ganz abgesehen davon, wie oft ich schon meine Eltern nach Oberaudorf und zurueck kutschiert hab und wenn man bedenkt, dass ich mir schon meinen internationalen Fuehrerschein hab klauen lassen!!

Ich hoffe, ihr macht euch ein paar gemuetliche Feiertage und habt einen guten Rutsch ins neue Jahr und bitte verzeiht, dass ich es nicht geschafft hab, euch das auf Papier zu wuenschen

Viele liebe Gruesse und den ein oder anderen Kuss,

Clara

















(2 Mal Oaxaca, das Kulturzentrum mit Ursula und 2 Mal Honduras: Santa Lucia mit Aminta)

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